Bernhard Zimmer | 31.01.2017 - 11.03.2017

Bernhard Zimmer - GENESIS

Aber welche Metaphysik wäre besser als die der Bäume,
Die nicht wissen, wozu sie leben,
Nicht wissen, dass sie’s nicht wissen?

Fernando Pessoa

Manche Kunst- oder Bildwissenschaftler halten – und mit guten Gründen – die Wahrnehmung des Gegensatzes von Figur und Grund, jenen gestaltpsychologischen Klassiker also, für die Grundlage aller bildkünstlerischen Tätigkeit und damit zugleich für das Fundament jeder Kunstbetrachtung. Aber vielleicht gibt es noch einen Bereich davor, einen noch ursprünglicheren Bezirk des Bildlichen. Ich meine jenes dichte Gestöber von Licht und Schatten, das allererste Auseinandertreten von Helligkeit und Finsternis, an dem noch Reste des primordialen Tohuwabohu haften, von dem die ersten Verse der biblischen Schöpfungsgeschichte sprechen, ein Bereich, der noch nicht über das Stadium eines fleckigen Chiaroscuro hinauskommt und in dem noch nicht darüber entschieden ist, was Figur, was Grund sein will. Ein flirrendes Spiel von Licht und Schatten, das wir in einfachen Formen alle kennen und wegen ihrer scheinbaren Geringfügigkeit meist nicht weiter beachten. Bernhard Zimmer hat im Sommer 2016 zahlreiche Fotos von Schattenflecken aufgenommen, die das Laub der Bäume auf sonnenbeschienene Straßen und Wege warf und hat einige dieser Fotos zum Ausgangspunkt für seine Malerei genommen – lediglich zum Ausgangspunkt, denn was man vom Wasser sagt, gilt auch für jede Malerei, die sich ernst nimmt: sie sucht sich ihren Weg.

[...]

Die Evolution schreitet schnell voran in dieser eigenwilligen Genesis, überspringt das Tierreich und geht vom Baum direkt zum zoon logon echon über, zum sprach- und vernunftbegabten Tier, als das der Mensch sich spätestens seit Aristoteles sehen möchte. Die Gesichter, Büsten und Halbfiguren, die Bernhard Zimmer malt, bleiben anonym, manchmal verraten Kleidung und Frisur ihre Herkunft aus alten Fotografien. Es ist nicht Porträtmalerei, was Zimmer interessiert, es geht nicht um das Wiedererkennen der Personen, eher um das Wiedererkennen des Selbstgefühls, das sich auf den Gesichtern der Dargestellten widerspiegelt. Es ist ein ungeheurer Ernst in den Mienen all dieser Personen, auch und gerade der Kinder und Jugendlichen, ein Ernst, der nicht psychologisch ergründet wird und durch Psychologie auch nicht zu ergründen ist, weil er letztlich ontologischer Natur ist. [...]

Peter Lodermeyer

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